Teil 10

aus früheren Ausgaben von «WIRTSCHAFTaktuell»

Die Zitate zeigen, dass die aufmerksame, kritische Sicht
einen Wissensvorsprung ermöglicht.

Stabilität des Finanz-Systems

 

Ein besonders ausführliches und aufwühlendes Spotlight ist das Exposé >> Stabilität des Finanz-Systems auf den Extraseiten, das noch heute volle Gültigkeit hat, weil grundsätzliche Probleme angesprochen sind, die als ökonomische Altlasten kaum bemerkt weiterwuchern und die künftigen Entwicklungen massgebend mitprägen werden.

Erdöl und US-Power

XXI / 2, Seiten 6-8, 26. September 2000

Nun stehen wir vor einer latenten Abschwächung der globalen Konjunktur, und damit dürften die Höchstpreise für Erdöl bereits hinter uns liegen - es sei denn, die Opec und/oder andere wichtige Förderländer ausserhalb dieses Kartells versuchten die Preise mit verknappendem Angebot zu treiben. Noch schlimmer wäre ein neuer Kriegsausbruch in Nahost, weshalb die nervösen Märkte die Entwicklungen in Israel sowie im Irak und entlang der Grenze zu Kuwait mit grosser Sorge beobachten. Das gewagte Spiel des angeblich an Krebs erkrankten Saddam Hussein mit weiteren Vorwürfen und Drohungen gegen sein südliches Nachbarland, versuchen die Amerikaner mit gespielter Gelassenheit herunterzuspielen. Das Spiel Saddams ist insofern nicht harmlos, als zehn Jahre nach der irakischen Invasion, Kuwait in einer tiefen Krise steckt.

Das Ölscheichtum ist ein extremer Wohlfahrtsstaat, der seine Einwohner von der Wiege bis zur Bare mit Dienstleistungen zu symbolischen Preisen verwöhnt und auch keine Einkommenssteuern erhebt. Noch immer arbeiten 95% der Kuwaiter beim Staat, weshalb das Parlament fast ausschliesslich aus Staatsangestellten zusammengesetzt ist (...) Das soziale Netz ist längst nicht mehr finanzierbar und seine Qualität wird immer schlechter. Kurzum: Kuwait ist zwar reich an Auslandvermögen (100 Mrd.US$), das aus verständlichen Gründen einfach nicht zurückfliessen will, und an Erdölreserven, aber auch eines der sozialistischsten Länder der Erde mit verwöhnten Menschen, die sich der wirklichen Leistung längst entzogen haben. Für Angriffe von aussen ist das «angefaulte» Land ein geradezu gefundenes Fressen. Kuwaits Grenzen wären längst verschwunden, wenn die Amerikaner nicht wären, die ein existentielles Interesse für ihre Machtdominanz auch in diesem Gebiet haben, weil sie sich nur so die notwendige Basis für die langfristige Energieversorgung sichern können (...)

Die Vereinigten Staaten haben nicht nur fast das ganze 20. Jahrhundert dominiert, sie sind heute die mit Abstand stärkste Weltmacht mit gewaltiger politischer Power, die sie skrupellos zu ihren Gunsten einsetzen. Die Aufzählung aller Facetten der US-Dominanz wäre buchfüllend, weshalb hier nur punktuell darauf eingegangen werden kann. Die USA sind, trotz eigener (ziem-lich schlecht ausgebeuteter) Erdölvorkommen wie kaum ein anderes Land von der ununterbrochenen Zufuhr des «schwarzen Goldes» abhängig. Die normalerweise eingelagerten privaten Vorräte und die strategischen Reserven der Regierung reichen nur für wenige Tage; dazu kommen die gekauften und reservierten Mengen auf den Weltmeeren, die noch der Löschung harren.

Was immer auf dieser Welt in einer öl-strategischen Zone passiert, ruft die Amerikaner auf den Plan, weil für sie die Sicherung der Energieversorgung absolut erste Priorität hat. Deshalb haben sie auch den Kuwait-Krieg geführt, deshalb haben sie versucht, die Saudis mit vielerlei Tricks und Pressionen in den Griff zu kriegen. Deshalb beklagen die Amerikaner zwar die brutal missachteten Menschenrechte im schon siebzehn Jahre dauernden Bürgerkrieg im Sudan mit bisher mindestens 2 Millionen Toten, gleichzeitig sind sie aber den - meistens irgendwie christlich orientierten - grossen, stolzen und starken Männern aus dem Stamm der Nubas im Süden verbunden, welche die dortigen reichen Ölvorkommen gegen die muslimische Regierung im Norden verteidigen. Überall, wo reiche Ölvorkommen existieren, sind Amerikaner anzutreffen. Immer stärker auch im Kaukasus und in Zentralasien, wo regelmässig von neuen riesigen Ölfunden berichtet wird, besonders im Raum des Kaspischen Meers.

In Nummer XX/1+2 mit dem Hauptthema «Geopolitische Gegenwart und Zukunft» hat WIRTSCHAFTaktuell die Verstrickung der Ölinteressen mit geopolitischen Unebenheiten ausführlich herausgearbeitet und insbesondere darauf hingewiesen, wie engmaschig und mehrdimensional verknüpft ethnische Konflikte, politische Zwänge, internationale strategische Ziele und wirtschaftliche Interessen sind. Weshalb haben beispielsweise die Amerikaner Saddam Hussein mehr oder weniger dazu verführt, Kuwait anzugreifen, was ihnen den bestmöglichen Vorwand für den Einmarsch lieferte? Weshalb ist der irakische Staatschef, obschon mehrmals als gefährlichster Verbrecher mit nuklearen, chemischen und biologischen Waffen gebrandmarkt, von den vereinigten Geheimdiensten aus den USA, Grossbritannien und Israel nicht längst schon umgelegt worden? Angeblich will der Westen eine Destabilisierung der Region vermeiden, zumal der Iran, Syrien und die Türkei ziemlich schwierige «Partner» sind; die Antwort ist aber sehr viel einfacher: Man braucht Saddam im Schachspiel um Macht und Einfluss und eben auch um Erdöl. Saddam mag die Dame auf dem Schachbrett sein, rundum von weiteren nützlichen Figuren für das raffinierte geopolitische Spiel der verkappten Kolonialmacht umgeben! Wenn es um das machtvolle Stellungsspiel der USA geht, ist die ethisch-moralische Haltung der Nebenfiguren von geringem Wert (...)

Um das Spiel zu verstehen, muss man wissen, dass alle Ölrechnungen direkt oder indirekt in Dollar zu bezahlen sind - wie viele andere Rohstoffe auch; vom gesamten Welthandel werden etwa 70% auf Dollar-Basis abgewickelt. Trifft ein rasant steigender Erdölpreis mit einem starken Dollar zusammen (die einander auch beeinflussen), besitzen die Amerikaner eine doppelte Waffe, um andere, zum Beispiel die Europäer, mit Raffinesse auszupowern.

Denn die Preise für Erdöl und dessen Derivate treffen wuchtiger auf die Kaufkraft der Deutschen, Österreicher und Schweizer als auf die Amerikaner. Haben Sie sich schon einmal gefragt, weshalb diese Preise in den USA viel tiefer liegen als in Europa, weshalb die Öl-Multis die USA zu Preisen vor Steuern beliefern, von denen die Europäer nur träumen können? Einen Teil der Antwort liefern die europäischen Regierungen selber: sie schlagen fette Steuern oben drauf und kassieren bei steigenden Preisen mit, was ihren leeren Kassen wohlbekommt. (Die wichtige Frage nach dem Preis fossiler Brennstoffe für die Qualität des Umweltbewusstseins und veränderte Verbrauchergewohnheiten stellt sich in diesem Zusammenhang nicht.)

Damit lässt sich die folgende wohlbegründete These formulieren: Das Tandem Dollarkurs und Erdölpreis wird zur strategischen Waffe der Amerikaner, die immer dann nützlich einsetzbar ist, wenn das gesamtwirtschaftliche Interesse der Vereinigten Staaten - aus welchen Gründen auch immer - nachhaltig tangiert wird. Und um diese Waffe nach Belieben in Bewegung zu halten, werden die Figuren auf dem politischen Schachbrett und die vernetzten Abhängigkeiten so zu nutzen versucht, dass eine brisante Dynamik mit sich ändernden Preisen entsteht, die Überraschungen herbeiführen und die Betroffenen auf dem falschen Fuss erwischen - zugunsten der Machtposition der Vereinigten Staaten. Natürlich kann das Ränkespiel nicht immer ideal verlaufen, manchmal fallen die gezündeten Raketen wie Bumerangs auf die USA zurück, die indessen fast ausnahmslos weniger getroffen werden als die konkurrierenden «Freunde» in aller Welt.

Da die Amerikaner von höheren Energiepreisen weniger negativ betroffen sind als etwa Europa und Nippon, sind ihnen Preise auf «vernünftigem Niveau» durchaus willkommen. Denn damit verbessert sich der finanzielle Status der Förderländer, die ja (fast) alle mit den USA in enger wirtschaftlicher Verbindung stehen und u.a. Dollar-Kredite beansprucht haben; höhere Erdölpreise für die Förderländer verbessern also die Bonität der ausgegebenen Kredite, was die involvierten US-Banken ganz besonders freut, weil Wertberichtigungen und Abschreibungen wegfallen oder aufschiebbar sind. Alle eigenen Interessen in Balance zu halten, ist auch für die Amerikaner ein anspruchsvolles Unterfangen.

Die USA werden aus diesen Gründen kaum je für besonders tiefe Erdölpreise votieren, zumal sie wissen, dass die heimische Exploration neuer Ölquellen nur ab einem bestimmten (relativ hohen) Preisniveau ins Rollen kommt. Die USA werden sich aber auch hüten, mit ihren Manövern besonders hohe Preise zu verursachen, denn alle nicht-ölfördernde Länder wären besonders stark betroffen, darunter nicht nur «reiche» Industriestaaten, sondern auch viele Entwicklungsländer, deren Entschuldung in noch weitere Ferne rücken würde. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die USA massiven Druck auf die Opec ausübte, damit diese die höheren Förderquoten herbeizuführen gewillt war und allenfalls noch sein wird. Der nach Saudiarabien grösste Produzent der Opec ist Venezuela, wo die nächste Sitzung des Öl-Kartells stattfinden soll, in der Venezuela die Führung der Gruppe zu übernehmen hat. Das ist schon wieder ein zweischneidiges Schwert, denn einerseits spricht man in Südamerika von in Zukunft vernünftigen und «moderaten» Preisen, anderseits versucht der umstrittene sozialistische Staatspräsident mit allen populistischen Finessen die Erdöl-Preisgestaltung als scharfe Waffe gegen die «hegemonialen Ansprüche des amerikanischen Kapitalismus» zu wetzen.

Das kommende Kräftemessen innerhalb der Opec scheint einmal mehr ziemlich turbulent zu werden. Besonnene Mitglieder erklären Preise zwischen 22 und 28 Dollar für gerecht, Hitzköpfe verlangen wesentlich mehr, ungeachtet dessen, dass sie damit bereits die nächste Retourkutsche in Fahrt setzen. Ob diese Preisgestaltung im ersten Anlauf gelingen wird, hängt von sehr vielen Faktoren ab, Ausreisser nach oben sind jederzeit möglich - nicht nur bei kriegerischen Wirren. Anderseits könnte die Abflachung der globalen Konjunktur zu einem markanten Nachfragerückgang führen, der dann die Opec auf dem falschen Fuss erwischen würde.

Wer Heizöl oder Benzin einkaufen muss, soll dies in mehreren Tranchen tun, damit in einer Phase ohne klar erkennbaren Trend ein guter Durchschnittspreis erzielbar bleibt. Sobald die Entwicklung im Markt mit unterschiedlichen Interessen und raffinierten Spielern - darunter auch Falschspieler - «sichtbarer» wird, kann wieder herzhafter zugegriffen werden. Der Haupttrend dürfte, trotz bevorstehendem Winter mit Mehrverbrauch (was der Markt längst auch weiss) eher nach unten gerichtet sein; Preise unter 20 $/Fass bleiben vorerst Wunschtraum.

Wer mit dem Ölpreis spekuliert, tut sich schwer, weil dieser volatil bleiben wird; für Käufe ist das Potential zu klein geworden, für Shorts ist das Risiko derzeit enorm hoch.

Hysterie um UMTS

XXI / 2, Seiten 9-11, 26. September 2000

Universal Mobile Telecom System mit dem Kürzel UMTS fasziniert, die sehr heterogene Schar der Profiteure aus der «New Economy» ebenso wie aggressive Akteure an den Finanz-Märkten. Dieses neue Mobilfunk-System der dritten Generation soll eine noch sehr viel schnellere Datenübermittlung in Mobilfunk-Netzen mit einer breiten Palette weiterer Dienstleistungen ermöglichen (...) Mit einem einzigen Gerät wird so viel geboten, wie heute Fernseher, PC, Natel, Photoapparat und Videogerät zusammen. Also quasi ein Giga-Handy zum Verschicken von E-mails, Filme anschauen, Herunterladen von Musik aus dem Internet, Verschicken von Postkarten mit eigenen Videobildern, Einkaufen per Handy, Bilder übertragen, bestellen und bezahlen, um im Internet zu surfen und sogar - so man dies noch will - für gewöhnliche Telefonate.

Insider nehmen an, dass bis in längstens fünf Jahren die meisten Leute ihr persönliches Informationsportal einrichten werden, über das sie Nachrichten in Schrift- und Bildform empfangen, E-mails austauschen, Datenbanken anzapfen sowie Einkäufe und Bankgeschäfte erledigen; auf das Portal wird per Funk über Handy oder andere Kleingeräte, aber auch per Festnetz und über PC zu Hause und im Büro zugegriffen. Der Aussendienstmitarbeiter wird morgen die Computerprogramme seiner Firma jederzeit online zur Hand haben; die Büro-Verlagerung ins Netz - also auf die Strasse - wird die Arbeitswelt auf drastische Weise verändern. Ob dabei Sicherheit und Vertraulichkeit gewährleistet sein werden, ist in digitale Sterne geritzt.

Die UMTS-Mobilfunk-Lizenzen sind «wertvoll». Wie wertvoll sie sind, hätte die breite Öffentlichkeit wohl nie erfahren, hätte es die spektakulären Auktionen in Deutschland und Grossbritannien nicht gegeben, die ihre eigene, rauschartige Dynamik entwickelt haben. Besonders in Deutschland kam hinzu, dass die etablierten Mobilfunk-Betreiber die übrigen UMTS-Interessenten viel zu lange unterschätzt haben. Nach 14 Tagen mit insgesamt 172 Runden für die Bietergruppen, die sich in Deutschland fest einnisten wollen, erreichten deren Gebote für die 20 Jahre gültigen Lizenzen 98.8 Milliarden DMark, eine höchst riskante Wette auf die Zukunft! Die Knappheit der Frequenzen und die sensationelle Bewertung durch die Nachfrager ergaben nach marktwirtschaftlicher Auseinandersetzung den «Wert» des UMTS, vielmehr dessen Preis (...) Nicht nur Lizenzgebühren und hohe Folgeinvestitionen strapazieren die UMTS-Betreiber, belastend wirken insbesondere die horrenden Abschreibungen auf immaterielle Güter (Goodwill aus den Akquisitionen, Lizenzgebühren, u.a.) und die massiv steigende Zinsbelastung bei höherem Verschuldungsgrad.

Die Deutsche Telekom steht nach der jüngsten Mega-Anleihe mit rund 130 Milliarden DMark in der Kreide (!), noch bevor die Übernahme des US-Mobilfunkers Voicestream (zum weit überhöhten Preis von 40'000 DMark je Kunde) und die anteiligen Kosten für die UMTS-Lizenzen bezahlt sind. Auch wenn Telekom-Chef Ron Sommer alle ausserhalb der strategisch wichtigen Schiene liegenden Vermögensteile bestmöglich verkauft («ausdünnen», sagt man dem heute), verbleibt eine gigantische Bürde. Beim Hochseilakt ohne Netz können sich die tollkühnen UMTS-Akrobaten keinen ernsthaften Fehltritt leisten (...) Die internationalen Rating-Agenturen haben sich bisher relativ zurückhaltend verhalten; sowohl «Standard & Poor's» als auch «Moody's» haben die Bonität von British Telecom und France Télécom mässig reduziert, was gleichwohl zu entrüsteten Protesten geführt hat. Eine ähnliche Verschlechterung der Bonität für die Deutsche Telekom ist angekündigt. Wen wundert's? Die Aktienbörse hat die Zäsur bereits plaziert: die Telekom-Aktie kostet so viel wie vor einem Jahre, der Höhenflug um 150% ist Schnee von gestern.

Bei den UMTS ist es nicht anders als beim Bäckermeister um die Ecke: Investitionen müssen über den Preis der angebotenen Güter hereinverdient werden. Wenn die Lizenz-Ersteigerung für die Netzbetreiber zum Erfolg werden soll, muss also der UMTS-Kunde die Zeche bezahlen. Er hört zwar von der Politik, der scharfe Wettbewerb werde die Preise deutlich drücken; wie diese besondere Rechnung aufgehen soll, bleibt offen. Denn ich halte es in einer Zeit mit klarem Trend zu flachen grösseren und tauglicheren Computer-Bildschirmen für fraglich, ob denn eine Vielzahl von Konsumenten wirklich Spass daran haben wird, in Mini-Schirme zu glotzen und mit sensiblen Fingerspitzen die kleinen Tasten zu treffen. Und wenn die Nachfrage zurückbleiben sollte, werden die Preise steigen müssen. Sollte dann bei hochgeschraubtem Preisgefüge (rein zufällig) eine Rezession zum Abflammen der digitalen Lust führen, würde sich die Schere zwischen Einnahmen und Verpflichtungen sehr weit öffnen (...)

Es tönt ausnehmend bizarr, wenn der deutsche Wirtschaftsminister, Werner Müller, den erzielten Versteigerungserlös als Mittel der Innovationspolitik lobt. Sein Ministerium ist so happy, dass ganzseitige Inserate in den wichtigen Finanzzeitungen geschaltet worden sind; etwa in der «Financial Times» (am 25. August) mit dem grossen Titel: «Look at the 3rd-Generation Mobile: 7 50'806'153'909.08 - was generated through Germany's Auction of UMTS Licenses». Müller vertritt auch die verwegene Meinung, die Höhe der Lizenzgebühren veranlasse die Anbieter dazu, schnell UMTS-Kunden zu gewinnen und entsprechende unternehmerische Massnahmen einzuleiten. Das mag in der grundsätzlichen Aussage gewiss seine Richtigkeit haben - in Zukunft werden wir zum Problem der Lizenzkosten bei überbordender Verschuldung aber auch ganz andere Töne vernehmen. Für WIRTSCHAFTaktuell gibt es keinen Zweifel daran, dass dieses Wahnsinn-Prozedere zu einer schwerwiegenden Altlast pervertiert und die Volkswirtschaft erheblich schädigen wird - und das Finanz-System muss mit weiterhin sich verschlechternden Bonitäten über die Runden kommen. Der Clou: Bei IBM und in Finnland entwickeln Wissenschaftler bereits die nächste Mobilfunk-Generation!

Der Reigen der Mobilfunk-Auktionen geht weiter, weil nach dem grosszügigen Finnland - das weltweit erste Land mit einer UMTS-Lizenz - kein weiteres Land seine Lizenzen verschenken wird. Folgen werden Italien, Frankreich, Luxemburg, Irland, Norwegen, Österreich, Portugal und Spanien. Die Schweiz startet die Auktionen am kommenden 13. November; alle zehn Unternehmen, die sich für eine Schweizer UMTS-Lizenz interessieren, werden daran teilnehmen und sich hochbieten können. Nachdem das Konsortium von Debitel/Swisscom bei der deutschen UMTS-Auktion als erste Bietergruppe aus der Versteigerung ausgestiegen ist, erwartet das deutsch-schweizerische Gespann einen tollen Happen in der Schweiz (und in nachfolgenden Ländern). Zugzwang und Egomanismus begleiten das Geschehen!

Schatten über der globalen Konjunktur?

XXI / 2, Seiten 14-21, 26. September 2000

In den Vereinigten Staaten wird noch immer eine robuste Konjunktur festgestellt, wenngleich erste Abschwächungen zu verzeichnen sind, die aber noch nicht auf ein «soft landing» hinweisen. Die asiatischen Tigerländer erfreuen sich wieder steigender Wachstumsraten, die aber nicht der früheren Dynamik entsprechen; zudem sind viele verkrusteten Strukturen nicht gereinigt worden, und die Finanz-Systeme sind noch immer stark angeschlagen. Die Lage in Japan ist - wie so oft - schwierig zu beurteilen. Zweifelsohne verbessert sich die Wirtschaftsleistung Nippons allmählich, kann aber nicht wirklich aufblühen - die deflationären Altlasten wirken noch immer mit teilweise dominierendem Einfluss. Immerhin hat Japan den schwierigen Tiefpunkt hinter sich, gelangt aber noch nicht in den erwünschten Takt. Die Länder Lateinamerikas weisen nach einem recht guten Jahr 1999 erste ernstzunehmende Zeichen einer Abschwächung auf; Argentinien, das derzeit schwächste Land, schmachtet bereits in der Rezession Die Transformationsländer in Mittel- und Osteuropa haben seit dem Fall des Eisernen Vorhangs bemerkenswerte Fortschritte gemacht, sind aber nicht endgültig über dem Berg, zumal sich wieder neue Schwächen abzeichnen.

Und was ist mit Europa? Die Graphik aus «The Wall Street Journal» weist darauf hin, dass in Europa erste Schatten erkennbar sind. Der Ifo-Index für das Geschäftsklima in Deutschland ist im Monat August zum dritten Mal in Folge gefallen. Die verlangsamte Erholung der deutschen Wirtschaft hat viele Analysten überrascht, wenngleich etliche Kennzahlen den Trend zurück bestätigen (...) Etwas verwirrend sind sie schon, die sehr unterschiedlichen Interpretationen zum Wirtschaftsgeschehen. Das «Handelsblatt» sieht eine «robuste Industrieproduktion im Euro-Raum», die im Juni zum ersten Mal seit 14 Monaten zurückgegangen ist (um 0.4% gegenüber Mai).

Ein anderer Grundton war an der Generalversammlung und im Jahresbericht der BIZ zu vernehmen. Obwohl das Wachstum in den letzten 18 Monaten praktisch überall auf der Welt höher als erwartet ausfiel, herrschte in Basel, am Sitz der «Bank für Internationalen Zahlungsausgleich», nur sehr verhaltener Optimismus, weshalb vor allem Unsicherheiten und Risiken thematisiert wurden. Die BIZ warnte vor einer wegen hoher Vermögenspreise sorgloseren Schuldenpolitik und verlangte mehr Vorsicht bei Kreditvergaben (...) Der neuste «World Economic Outlook» des IWF zeichnet zwar ein rosiges Bild von der Weltwirtschaft, meint aber, dass die jüngsten Preiserhöhungen für Erdöl sowie die Ungleichgewichte in den drei grossen Währungsblöcken die Prognosen eintrüben könnten. Die schwärzesten Perspektiven zeigt uns derzeit die Weltbank, allerdings mit einem weiteren Zeithorizont (...) Dieser Tage ist häufig von einem weiteren «Erdölschock» mit nachfolgender schwerer Rezession wie 1973/74 und 1978/81 zu hören und lesen, der das bisher freundliche Konjunkturbild besudeln könnte. Nun, Vergleiche sind immer tückisch, weil nie genau dieselben Randbedingungen in derselben Verflechtung einwirken, ganz abgesehen von den unterschiedlichen Reaktionen der Politiker und Konsumenten (...)

Es gehört zu den Phänomenen in der Weltwirtschaft, dass die Volkswirtschaft in den USA nach einem beispiellosen, fast zehnjährigen steten Aufschwung noch immer nicht wirklich zur Landung ansetzt, weder zu einer sanften, noch zu einer ruppigen und schon gar nicht zu einer harten. Erste Zeichen für eine Verlangsamung der Expansion sind indessen da, schliesslich sprechen die Wachstumsraten für die letzten drei Quartale eine deutliche Sprache: 8.3%, 4.8% und 5.3% - eine durchaus erwünschte Beruhigung für die US-Wirtschaft (...) Der Blick in die «Innenwelt der Wirtschaft» zeigt uns auch «gröbere» Entwicklungen; die Aufträge für dauerhafte Güter (Lebensdauer von drei und mehr Jahren) sind nach dem Juni-Plus von 9.5% im Juli um 12.4% eingebrochen (...) Im 3. Quartal 2000 wird eine reale Zuwachsrate für des BIP von 3.5% bis 4% erwartet. Dazu passt die Aussage im neusten «Beige Book» des Federal Reserve Board, die gegenwärtige Wirtschaftslage sei robust und solide. Verspannungen im Arbeitsmarkt haben sich teilweise gelöst, und die US-Inflation ist noch immer kein «heisses» Thema.

Das sind nicht nur für die Amerikaner gute Nachrichten, die angenehme Botschaft erfreut viele Beobachter rund um die Welt. Solange die Lokomotive für die gesamte Weltwirtschaft noch in Fahrt ist, vereinfacht sich gar manches heimisches Wirtschaftsproblem. Und über das exorbitante Rekord-Minus in der US-Leistungsbilanz wird (noch) hinweggesehen! Die abnehmende Konjunkturstärke, der gestiegene Erdölpreis, erste Probleme mit neuen Emissionen und die verzerrten Währungsverhältnisse pägen natürlich auch die US-Aktienmärkte und damit alle anderen Märkte mit Wertpapieren. Da das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis der US-Aktien auf historisch hohem Niveau liegt und die Kurse seit langem als überzogen gelten, werden die zu erwartenden Unternehmensgewinne zum Zünglein an der Waage zwischen Hausse und Baisse (...)

Im Juli gab es erste Anzeichen für ein Top in der deutschen Konjunktur: Der verlässliche Ifo-Index für das Geschäftsklima im Gewerbe sank vom Hoch im Juni bei 100.4 Punkten auf 99.1 Punkte, auf den tiefsten Stand seit November 1999. Das harmonierte nun gar nicht mit den Erwartungen der deutschen Volkswirte, die einen flotten Anstieg auf 101.28 Punkte erwarteten (man beachte die alles entscheidende zweite Stelle nach dem Komma, auf die so mancher Volkswirt stolz ist!). Die schnellste Reaktion auf die unerfreuliche Kennziffer zeigte, wie könnte es anders denn sein, der Euro mit dem Plumpser um mehr als einen halben Cent auf deutlich unter 0.90 Dollar (...) Die verunsicherten Nationalökonomen nahmen damals an, das sei eine temporäre Abschwächung; es sei erst dann von einer Wende zu sprechen, wenn der Index dreimal hintereinander zurückgleite, was wirklich nicht zu erwarten sei (...) Auch die EZB trug zum Malen der Konjunkturgeschichten die schönsten Farben auf und schrieb in einem ausführlichen Exposé, für Deutschland erwarte man ein anhaltend hohes Wachstum und für Euro-Land besonders rosige Konjunktur-Aussichten. Dann begannen die Zahlen aber leicht zu «flattern» und schliesslich veränderte sich die tenorale Stimmlage innerhalb weniger Tage (...) So ist es eben: eine Währung verzeiht es nicht, wenn Beschönigungen, Träumereien und Dummheiten ständig durch die Realität zur Seite geschoben werden müssen! Wann kapieren die reichlich naiven Banker der EZB und gewisser nationaler Notenbanken endlich, dass ihr Tun kontraproduktiv und daher volkswirtschaft-schädigend ist? Wer riskiert es, erstmals Klage gegen fahrlässige Verschleuderung von Volksvermögen einzureichen? (...)

Wer sich in Berlin, in der stolzen neuen Hauptstadt der grössten Wirtschaftsmacht Europas umschaut, hat allerdings nicht den Eindruck, dass die Bauindustrie zu klagen haben müsste. Das Meer riesiger Baukräne und die vielen emsigen Handwerker vermitteln das beeindruckende Bild eines sensationellen Booms. Das ist aber nur die eine Seite, die andere ist weniger erfreulich: in Berlin gedeiht eine einmalige deflationäre Blase (...) Berlin lebt schon lange weit über seine Verhältnisse, die Gewöhnung an reichlich fliessende Subventionen und an «Frontstadtprämien» beginnt sich zu rächen. Die «Mentalität aus Luxus, Verschwendungssucht und Selbstbedienung» ist laut «Süddeutsche Zeitung» eskaliert und hat eine unsägliche «finanz-moralische Verrottung» blossgelegt.

Mit einem Wachstum von nominal 2.1% und preisbereinigt 1.5% erreichte die Schweiz 1999 die vorausgesagten Werte nicht ganz und konnte nicht an die Vorjahre anschliessen; immerhin hat die Asien-Krise geringere Spuren hinterlassen als befürchtet. Die Triebkräfte waren einmal mehr Konsum und Aussenhandel (Bild links). Seit dem 3. Quartal 1997 steigt die Beschäftigung in der Schweiz, und im ersten Quartal 2000 waren so viele Personen wie noch nie seit 1991 beschäftigt; 3,898 Mio. Menschen, 1.4% mehr als im Vorjahr, waren erwerbstätig. Die Arbeitslosenquote beträgt 1.8%, nur der kleine Inselstaat Island liegt in Europa mit einer Rate von 1.6% noch tiefer.

Der Index für die Konsumentenstimmung erreichte in den 28 Jahren seit Einführung dieses Barometers für die Zuversicht der Menschen noch nie einen höheren Wert als im August 2000. Darum sitzt das Geld für kleine und grosse Anschaffungen locker; in der Schweiz bestreitet der private Konsum 58% des BIP (...) Der Konjunktur-Indikator der UBS, mit quartalsweisen Befragungen von 300 Industriefirmen, existiert seit 1975. Der Indikator zeigt die Höhe des BIP-Wachstums mit einem Vorlauf von zwei Quartalen und hat sich als recht verlässlich erwiesen. Die UBS erwartet ein Jahreswachstum 2000 von 3.5%, mit Werten von knapp unter 4% für das vergangene und das laufende Quartal - ein seit zehn Jahren nicht mehr gesehenes Niveau (...) Das dürfte dann der Höhepunkt gewesen sein.

Ende 1999 galt Österreich als drittreichstes Land der EU; mit Blick auf die zerfahrene Budgetdisziplin war das Land Schlusslicht, noch schlechter als Griechenland. Eine der übelsten Wiener Figuren war Finanzminister Rudolf Edlinger, der zwar grosse Sprüche klopfen konnte, aber nicht in der Lage war, sein Budget auch nur einigermassen im Griff zu behalten. Er gehörte zum Filz, der kaum noch für Bewegung und Fortschritt sorgen konnte. Edlinger wollte den Steuerzahlern keine grossen Zahlen zumuten und verbreitete lauter falsche. Er war, wie fast alle damaligen Regierungsmitglieder, längst abdankungsreif, hielt sich aber mit aller Kraft und vielen Intrigen auf dem Podest und er hätte sich wohl nie freiwillig zurückgezogen.

Es ist beeindruckend zu sehen, wie viel die neue Regierung in nicht einmal einem Jahr geleistet hat (Edlinger gehörte zu jenen, die sich bei der Amtsübergabe an Karl-Heinz Grasser verweigert und passiven Widerstand geleistet haben). Grasser hat schon nach kurzer Zeit festgestellt, dass aufgrund der miserablen Arbeit seines Vorgängers und seiner ganzen Clique im laufenden Jahr ein Ausgabenüberschuss von gut 100 Mrd.S auflaufen wird; der Schuldenabbau musste oberstes Ziel werden und bleiben. Die neue Regierung verschaffte sich mit strikten Vorgaben weitherum Achtung, denn allmählich beginnen selbst wohlfahrtsstaatlich verluderte Bürger zu begreifen, dass eine Umkehr nur mit scharf schneidenden Massnahmen überhaupt denkbar ist. Ausgerechnet diese endlich mal verantwortungsvoll handelnden und hart arbeitenden Politiker mussten auf Initiative der EU die Weihe durch die «drei Weisen» über sich ergehen lassen. Das war das Finale einer Groteske, die nicht einmal Friedrich Dürrenmatt in seinen besten Tagen hätte erfinden können.

Die ersten Resultate verblüffen, die ambitionierten Privatisierungspläne werden gegen das dumme Gerede der verärgerten Sozialisten knallhart durchgezogen; weitherum hat die Regierung von Wolfgang Schüssel viel Vertrauen gewonnen (...) Ganz einfach deshalb, weil die bisherige Arbeit im Clinch mit fast unmenschlichen Widerständen zu überzeugen vermag. Das herausragende Resultat ist Österreichs Konjunktur, die auf vollen Touren läuft. Die Produktionserwartungen der Gütererzeugung haben sich erneut verbessert und bewegen sich auf dem höchsten Stand seit zehn Jahren; der vielbeachtete Auftragsbestand aus dem In- und Ausland übersteigt den langjährigen Durchschnitt beträchtlich, auch der Tourismus berichtet über unerwartet hohe Zuwächse. Noch im Schatten steht weiterhin die Baukonjunktur, die sowohl mit dem Auftragsbestand als auch gegen verkalkte Strukturen zu kämpfen hat. Ohne Zweifel: Österreich befindet sich auf der richtigen Schiene und das Tempo ist beachtlich. Die sich abzeichnenden globalen Abschwächungstendenzen werden allerdings auch an Österreich nicht spurlos vorbeigehen (...) (...) (...)

Boom bei Unternehmensanleihen

XXI / 2, Seiten 21/22, 26. September 2000

(...) Denn die Geld-Lawine rollt immer gewaltiger bei gleichzeitig schwindenden Bonitäten. Was nichts anderes bedeutet, als dass das nominelle Vermögen immer papierener, eben wertloser wird! Als Vorspann für die kommenden Analysen unserer Finanz-Welt eignen sich derzeit besonders die Unternehmensanleihen (UA), die eigentlich meine Sympathie und Zuwendung geniessen, weil staatliche Papiere eines Tages viel Ärger und Verluste produzieren werden. Leider sind die UA überraschend schnell in ein heftig sprudelndes Fahrwasser geraten, das ein Mitschwimmen zum Abenteuer machen kann. (...) Es ist keine fünf Jahre her, als sogenannte Jumbo-Anleihen (ab 1 Milliarde) noch für viel Aufsehen sorgten. Heute gelangen Telecom-Anleihen von 10 Milliarden Dollar (und mehr) in den Markt und werden sogar gierig aufgesogen. In diesem Jahr wurden bis Anfang August UA im Betrag von 92.6 Mrd. Euro emittiert (ohne Dollar-Bereich). Bis Ende 2000 dürfte das Volumen der Neuemissionen allein auf Euro-Basis rund 150 Milliarden Euro erreichen (...)

Die verflochtene Problematik hat Dr. Andreas Uhlig für die NZZ schön herausgearbeitet: «Die Kapitalabwanderung aus Europa hat ein enormes Ausmass (...) In den zwölf Monaten bis Ende März haben europäische Investoren US-Aktiva im Wert von 535 Mrd.$ erworben. Nachteilig auf den für einen stärkeren Euro notwendigen Zustrom von internationalem Kapital nach Europa kann sich die anhaltend sinkende Kreditwürdigkeit europäischer Unternehmen auswirken (...) Zu den Gründen der sinkenden Bonität gehören die Fragmentierung der europäischen Industrie und der sich daraus ableitende Restrukturierungs- und Konsolidierungstrend (...) Das Zusammenspiel von Konsolidierung und Verschuldung hat nach Ansicht von Standard & Poor's einen explosiven Kredit-Cocktail geschaffen, der für Anleihen-Anleger mit wachsenden Risiken verbunden ist. Besonders ausgeprägt kann die Verschlechterung der Kreditwürdigkeit bei fremdkapital-finanzierten Unternehmensübernahmen ausfallen (...).»

Soviel für heute zu dieser brisanten Thematik - Fortsetzung folgt. Es ist ganz einfach ungeheuerlich zu wissen, aus welchen Gründen die hirnrissige Lawine von Liquidität in diese Welt gerollt worden ist, mit immer mehr Konsequenzen, die das System als ganzes schwächen und eines Tages kippen werden. Die Frage ist nur: wieviel Wahnsinn erträgt diese Welt mit einem gutmütigen, auch naiven, zeitweise aber störrischen oder gar bösartigen Finanz-System?

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